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Sterben die Motorradfahrer in Deutschland aus? (27. April 2007)



Seit Jahren bietet sich in der deutschen Motorradszene das gleiche Bild. Die Zulassungszahlen sinken, der durchschnittliche Motorradfahrer ist mittlerweile schon 45 Jahre alt. Woran liegt es? Eine Betrachtung.



Worum geht es konkret? - Die Motorradindustrie beklagt sich seit längerer Zeit über konstant sinkende Neuzulassungszahlen seit 1997. Wurden 1997 noch 453.600 Motorräder und Roller ab 125 ccm neu zugelassen, waren es im Jahre 2006 nur noch 185.000 Stück (minus 2,5 % zum Vorjahr).
48.100 dieser "Krafträder" hatten nur 125 ccm (26 %), 44.400 hatten über 1000 ccm (24 %). 1.000 Maschinen waren Trikes, 18.000 Quads. Das bedeutet, von den "klassischen" Motorrädern mit über 125 ccm wurden lediglich 117.900 neu zugelassen. Dieser Negativtrend wird noch betont, wenn man bedenkt, dass der durchschnittliche deutsche Motorrad-Neukäufer mittlerweile das reife Alter von 45 Jahren erreicht hat. Und er scheint immer älter zu werden. Nachwuchs ist anscheinend nicht in Sicht.

Was hindert eigentlich deutsche Jugendliche und Jungerwachsene daran, Motorrad zu fahren (bzw. Roller mit über 125 ccm)? In Italien und Frankreich gibt es genau den entgegengesetzten Trend. Dort sind Motorräder und Powerroller mega-in, die Zulassungszahlen steigen dort stetig an. Über dieses Phänomen rätseln Hersteller, Journalisten und andere Experten schon seit Jahren...

Ich habe mich deswegen einmal mit den gängigsten Argumenten auseinandergesetzt --- auf die berüchtigte, gnadenlose einszweidrei.de / 9ii.de - Art natürlich...




"Früher waren die Jugendlichen rebellischer, deswegen sind sie Motorrad gefahren."

Ein beliebtes Argument, das man fast überall und jederzeit hört. Und Quatsch. Die Jugendlichen waren früher nicht rebellischer als heute. Zu allen Zeiten und in allen Gesellschaftsschichten gab es immer mehr Spießer und Normalbürger als Rebellen und Revolutionäre. Wie Kurt Tucholsky so treffend meinte, würde es in Deutschland nie eine Revolution geben - denn dafür müsste man das Gras betreten, und das sei schließlich verboten.
Zur Zeit der wilden '68er, also auf dem Höhepunkt der jugendlichen Rebellion in Deutschland, wurden nur wenige Motorräder zugelassen - 1970 waren es gerade einmal 9.000 Krafträder. Das heißt, mit Rebellion hat der Rückgang der Zulassungszahlen nichts oder nicht viel zu tun.

"Die Jugendlichen von heute haben kein Geld mehr für das teure Hobby Motorrad."

Diese enge Definition ist falsch. Jugendliche hatten zu allen Zeiten wenig Geld. Früher waren Motorräder zwar billiger, aber die Menschen haben auch weniger verdient. Die Jugendlichen geben ihr weniges Geld heutzutage für andere Dinge als neue Motorräder und Power-Roller aus. Warum, wird von mir weiter unten erläutert.

"Das Motorrad hat seine eigene Jugendlichkeit verloren."

So prosaisch drückt es der IVM aus (Industrie-Verband Motorrad Deutschland e.V.). Dabei ist ein Motorrad als solches kein normales Fahrzeug, kein erwachsenes Fahrzeug. Fast jedes Motorrad ist im Vergleich zu fast jedem Auto gefährlich, unbequem, laut, unpraktisch und sauschnell. Ein Supersportler à la Yamaha R1 kann man nicht wirklich als Fahrzeug des gesetzten Establishments bezeichnen. Man muss körperlich und geistig schon fit sein, um ein Motorrad im Straßenverkehr zu bewegen, das ist jedem klar. Also eher jung als alt. Das strahlt ein Motorrad als solches auch aus.

"Motorradfahren ist heutigen Jugendlichen zu gefährlich."

Wie bitte? Wir sprechen über die Generation, die in ihrer Kindheit auf dem Skateboard mehr Zeit verbracht hat als zu Fuß. Hobbies wie Kiteboard, Snowboard, Rollerblading, Bungee, Freeclimbing sind für Jugendliche Teil ihres ganz normalen Lebens. Die meisten fahren keine Hochsicherheits-Damenräder, sondern Mountainbikes ohne Licht und Schutzbleche. Rote Ampeln existieren für diese Generation nicht. Also sind die Jugendlichen von heute durchaus bereit, für ihr Hobby Risiken einzugehen.



Soweit die etwas hilflos klingenden Erklärungsversuche der Fachwelt auf den Schwund jugendlicher Fahrer. Und nun kommen wir zu meinen Argumenten.

Kein Kraftrad mit Autoführerschein

Viele Menschen, die den Autoführerschein besitzen, würden gerne auch ein stärker motorisiertes Zweirad fahren. Doch darf man mit dem Autoführerschein nur ein Krad mit einem Hubraum von höchstens 50 ccm und einer Höchstgeschwindigkeit von 45 km/h fahren. Das ist vielen einfach zu wenig, um im alltäglichen, städtischen Überlebenskampf zurechtzukommen. Auf einem 50 ccm - Roller gehört man fast ständig zu den Gejagten im Straßenverkehr. Landstraßentouren sind mit solchen Fahrzeugen nicht nur subjektiv sehr gefährlich.

Es gibt nur eine Ausnahme, ein stärker motorisiertes Kraftrad mit Autoführerschein zu bewegen. Wenn die Pappe vor dem 01. April 1980 ausgestellt wurde, kann man auch mit diesem Führerschein ein Krad mit 125 ccm und 15 PS fahren. Solche Kleinmotorräder und Roller können über 100 km/h erreichen und halten in der Stadt und auf der Landstraße mit anderen Fahrzeugen gut mit. Absolut unverständlich, warum nur Führerscheininhaber, die mindestens 45 Jahre alt sind, in den Genuß dieser Vorzugsregelung kommen. Hier werden alte Autofahrer eindeutig gegenüber jungen Fahrern bevorzugt. Wohl mit dem Hintergedanken, dass Menschen im fortgeschrittenen Alter sowieso keine 125er fahren werden.

Ich vermute, dass man dies mit hinterhältiger Absicht macht. Die Deutschen sollen nicht Zweirad fahren. Deswegen werden legale 50 ccm - Maschinen auf das auch in Städten unsinnig niedrige Tempo von 45 km/h gedrosselt. Ein Roller wie der Aprilia SR 50 Ditech wurde - unlimitiert - von einer Roller-Fachzeitschrift mit echten 73,3 km/h Höchstgeschwindigkeit gemessen. Das ausgezeichnete Fahrwerk und die guten Bremsen des Ditech vertragen eine solche Geschwindigkeit auch problemlos. Aber es darf nicht sein, jedenfalls nicht mit offiziellem Segen. Mit rund 70 km/h Spitze würde eine 50er ja irgendwie einen Sinn erfüllen, und das will die Obrigkeit offensichtlich nicht.

Überall und ständig wird von offizieller Stelle darauf hingewiesen, dass wir Deutschen gefälligst Sprit zu sparen haben. Was wäre also sinnvoller für den alltäglichen Weg zur Arbeit, als statt des platzkonsumierenden Autos eine leichte, sprit- und platzsparende 125er zu benutzen (sei es jetzt ein Leichtmotorrad oder ein Roller)? Nein, die Autofahrer werden prinzipiell dazu gezwungen, ein Auto zu benutzen - oder eine künstlich erdrosselte 50er, die in der Regel genauso viel verbraucht wie eine 125er! Es gibt bestimmt ein paar einleuchtende rechtliche Gründe, die Inhaber von Autoführerscheinen derart zu verarschen - aber wie man es auch begründet, es bleibt eine Verarschung.

Erlaubte man allen Inhabern von Autoführerscheinen, eine 125er mit bis zu 15 PS zu fahren, würden die Zulassungszahlen motorisierter Zweiräder förmlich explodieren. Einmal mit einer 125er "angefixt", würden einige Autofahrer später einen richtigen Motorradführerschein machen, um auch die größeren Maschinen bewegen zu können.

Aber das wird hier in Deutschland nicht geschehen. Da beklagt man sich lieber lauthals, dass ein ganzer Industriezweig vor die Hunde geht, als dass man von seinen mittelalterlichen Vorstellungen abweicht und mit einer kleinen, einfachen Regelung den Menschen im Lande das mobile Leben erleichtert.
Es bleibt also dabei. Wer 125er fahren will, muss einen eigenen Führerschein dafür machen - der mit ca. 1.500 Euro genausoviel kostet wie ein richtiger Motorradführerschein. Also machen diejenigen, die vom Auto umsteigen wollen, gleich den großen Schein. Denn Motorräder wie die Hyosung GT 650 (72 PS) kosten soviel wie ein 125er Roller. Einen solchen umfassenden Schritt vom Auto zu einem ausgewachsenen Motorrad wagen indes nur wenige.

Motorradfahrer wirken arrogant

Die Betroffenen möchten das natürlich nicht hören, aber es wirkt auf andere Verkehrsteilnehmer oft so. Und manchmal ist es die Schuld der Motorradfahrer selbst.
Ein paar Jahre lang bin ich (als Inhaber eines dieser verdammten, beschränkten Autoführerscheine) einen 50er Roller gefahren. Wie oft ich in dieser Zeit von Motorradfahrern geschnitten, ausgebremst, mit 3-cm-Abstand überholt und an Ampeln mit offensichtlicher Missachtung gestraft worden... als Fahrer eines 50er Rollers hatte ich also ein durchaus negatives Bild von Motorradfahrern. Dieses Schicksal trifft, in abgemilderter Form, auch die Fahrer von 125er Motorrädern und Rollern. Die Zweiradfahrer begreifen sich insgesamt nicht als Gemeinschaft. Gerade in diesen Zeiten wäre es besser, wenn alle Fahrer von motorisierten Zweirädern sich den gebührenden Respekt einander erweisen. Ein Fahrer eines 50er- oder 125er-Rollers kann sich durchaus mit dem Gedanken tragen, später einmal eine Yamaha R1 zu kaufen. R1-Fahrer sollten sich lieber als Vorbild denn als Konkurrent einer bunt beklebten Sport-50er begreifen.

An sich sind die meisten Motorradfahrer sehr nett, kollegial und hilfsbereit - zumindest untereinander. Dem beliebten Hack-Thema "die drängeln sich immer so rücksichtslos durch Stau-Schlangen" kann ich mit einem einfachen Argument begegnen: Verkehrs-Staus werden von Autos gebildet, nicht von Zweirädern. Wenn viel mehr Menschen ein Zweirad fahren würden, gäbe es auch viel weniger Staus. Denkt mal darüber nach.

Gebraucht-Motorräder sind die größte Konkurrenz

Dies ist für mich der Hauptgrund, warum die Neuzulassungen bei Zweirädern stetig in den Keller gehen. Ein Beispiel: Eine "ganz normale" Honda CB 750 von 1996 mit 73 PS. Nicht besonderes, gebraucht sehr günstig zu haben, sehr zuverlässig und bequem. Ihre (gemessenen) Fahrleistungen: 0 - 100 km/h in 3,0 Sekunden, Spitze 210 km/h. Selbst moderne Supersportler beschleunigen nicht schneller auf 100 als diese vergleichsweise "alte Möhre". Wozu also sollte man eine neue Maschine kaufen, wenn eine gebrauchte (fast) genauso viel Spaß macht? Zumal eine gebrauchte CB 750 auch in Innenstädten unbelästigt auf der Straße geparkt werden kann... eine neue R1 wird viel eher über Nacht geklaut.
Es gibt viele andere Beispiele. Eine 2003er GSX-R 1000 hatte zwar "nur" 160 PS, ist in der Praxis aber nicht langsamer als eine aktuelle Gixxer mit 185 PS. Wozu also umsteigen?

Die Motorrad-Technik ist zwar in den letzten Jahren sehr weit fortgeschritten (Euro 3, ABS, intelligente Fahrwerke, stabilere Rahmen, Federbeine und Gabeln) - aber direkt erfahrbar ist das für den normalen Motorradfahrer oft nicht. Viele Fahrer lehnen Neuerungen wie ABS und Euro 3 ab (zu verweichlicht, zu leise etc.), sie sind also wie geschaffen für den Kauf eines alten Motorrads. Und so verhält sich auch der Markt. Der Handel mit Gebrauchtmaschinen floriert, der mit Neumaschinen stagniert.




Was brauchen wir also?


Wir brauchen die Fahrerlaubnis für 125er bis 15 PS für alle Autoführerscheine, egal wann sie ausgestellt wurden. Die Motorradindustrie muss zudem endlich wirklich neue, innovative Konzepte vorstellen, die sich deutlich von den bisherigen Konstruktionen abgrenzen. Das muss nicht unbedingt im Design sein, sondern kann auch Details betreffen. ABS ist ein Schritt in die richtige Richtung, verstellbare Sitzbänke auch.


Eine echte Vorbildsfunktion erfüllt hier der Piaggio-Konzern. Der neue Dreirad-Roller MP3 (auch als Gilera Fuoco mit 400 ccm und 40 PS zu haben) ist so populär, dass es jetzt schon Fangemeinden in den USA für ihn gibt. Der MP3 kann mit geringen Mitteln so umgebaut werden, dass man ihn mit Autoführerschein fahren kann (!). Das wird zusätzliche Käuferschichten erschließen, die mit Zweirädern sonst nichts am Hut haben.


Zudem wurde mit der Aprilia NA 850 Mana das erste richtige Motorrad mit Automatik vorgestellt. Die NA 850 Mana sieht aus wie ein richtiges Naked Bike, kann aber ohne Schaltarbeit beschleunigt werden und bietet sogar ein Helmfach in der Tankattrappe. Solche Konzepte haben Zukunft. Sie sind anders als die klassischen Maschinen. Wer so etwas will, kann nicht auf den Gebrauchtmarkt ausweichen. Er muss neu kaufen. Also, liebe Motorradhersteller, wir wollen mehr Innovationsfreude sehen. Wie wärs mit einem Bio-Diesel-Antrieb, mit Brennstoffzelle? Oder einfach nur ein dynamisch aussehender Supersportler mit Vollverkleidung, Leichtbautechnik, ABS und menschenwürdigem Soziusplatz? Obwohl, da gehen die Kawasaki ZZR 1400 und die BMW K 100 RS in die richtige Richtung. Es müsste sie nur mit vernünftigeren Hubräumen (750 ccm) und zu einem Preis unter 10.000 geben...



einszweidrei.de - Nico Röhr - 27.Apr.2007 - Alle Angaben ohne Gewähr