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Im Herbst 2005 schlenderte ich bei einem kleinen Hondahändler herein und
schaute mir ein paar Modelle an (ich nenne hier im Folgenden nicht Orte und Namen,
um keinen Händler zu kompromittieren). Es entwickelte sich ein kleines Gespräch mit dem Händler, in dem ich durchscheinen ließ, dass mich eine CBR 600 RR interessieren würde. Antwort des Händlers: "Hier! Nehmen Sie die VFR 800, die ist auch ganz toll! Setzen Sie sich mal drauf." - Unvermittelt saß ich dann auf einer schwarzen Honda VFR 800, Modell 2005 mit ABS. Ok, ganz nett, aber wenn man einen Sportler will... - "Ist ein Supermotorrad. Ich mache Ihnen auch einen tollen Preis!" Lange Rede, kurzer Sinn: 9.000 Euro bei Barzahlung. Listenpreis gut 12.000. Ich wurde misstrauisch. Sollte die neue VFR, die 2006 erscheint, so gut geworden sein? Winter 2005, ein anderer Händler mit großem Angebot. Ich schlendere auf die CBR 600 RR zu, da werde ich von einem Verkäufer elegant abgefangen. er geht kurz auf die RR ein, dann wechselt er schnell das Thema: "Wir haben auch noch ein paar 2005er VFR im Angebot, nur 9tausend9hundert-und-ein-paar-zerquetschte. Sind noch alle Farben da." - Aha. Alle Farben noch da. Tja, und nun hat Honda den Schleier gelüftet. Die neue VFR hat wieder nur 782 ccm, ganz wie die alte. Während aber das V-TEC System bei der alten die zwei Zusatzventile bei 6.800/min mit einem spürbaren Ruck einschaltete, ruckt es bei der neuen nun schon bei 6.600/min. Erst bei 6.100/min sollen die zusätzlichen Ventile ihre Arbeit wieder einstellen. Honda verspricht glattere Übergänge und Euro3. Dazu noch ein paar optische Retuschen, das war's. Der Preis blieb quasi unverändert. Warum also die Sorge der Händler, die alte VFR loszuwerden? Die Antwort ist einfach: Sie heißt CBF 1000. Stichwort CBF 1000. Listenpreis 8.690 Euro mit ABS (+NK). 998 Kubik, drehmomentoptimierter Fireblademotor mit G-Kat und Euro3. 97 Nm bei 6500/min... Die "neue" VFR: Listenpreis 12.640 Euro mit ABS (+NK). 782 Kubik, 80 Nm bei 8750/min. Bei 6500/min drückt sie ca. 60 Nm. Die CBF 1000 droht gleich einem sich nähernden Komet am Himmel. Wenn sie einschlägt, wird es dunkel auf dem Planeten VFR. Und meiner Meinung nach liegt das an Hubraum, Drehmoment und am Preis. Wer Zweirad fährt, will *Druck*. Das ist sogar bei den Rollern so. Der beliebteste Roller, der jede Leserwahl gewinnt, heißt Burgman 650. Weil er den dicksten Motor hat. Ganz einfach. So denken die Leute nun mal. Leistung kann man messen, intelligente Konzepte nicht. Deswegen wird die CBF 1000 die VFR in Sachen Verkaufserfolg einebnen. Auch die alte VFR von 2005, denn die ist immer noch einen guten Tausender teurer und hat weniger Kraft bei unteren bis mittleren Drehzahlen als die CBF. Dazu kommt noch die neue Bandit 1200 S, die zum Modelljahr 2006 ABS erhält und rund 8.600 Euro (+NK) kosten wird. Drehmoment: 92 Nm bei 6.500/min. Zur Veranschaulichung: Im MO-Zeitschriftstest zog eine 2004er VFR im letzten Gang von 60 auf 140 km/h in 13,5 Sekunden. Bandit 1200 S: 9,2 Sekunden. Ein um 32% besserer Durchzug. Den Unterschied spürt man - und die CBF 1000 wird vielleicht noch besser durchziehen. Die nominell 109 PS der VFR 800 mögen auf dem Papier eine Überlegenheit gegenüber der CBF 1000 darstellen, aber das wird in der Praxis anders aussehen. Die CBF 1000 wurde mit 102 PS vorgestellt und im Ausland auch mit 102 PS Leistung verkauft. Man kann davon ausgehen, dass Honda die Leistung nur nominell für den deutschen Markt auf versicherungsgünstige 98 PS drosseln wird. Das ist bei anderen Motorrädern ihres Schlages nicht anders. Die Bandit 1200 S leistet bei Prüfstandsläufen immer an die 110 PS, obwohl sie mit 98 PS eingetragen ist. Auch eine offziell 98 PS starke Yamaha XJR 1300 hat real um die 105 PS. Honda stellt sich stur und hält nun schon seit Jahren an 782 Kubik bei der VFR fest. Ich glaube, denen ist das Schicksal der VFR ziemlich egal, weil jetzt die CBF 1000 die eierlegende Wollmilchsau im Modellprogramm spielen soll. Mit dem Modellwechsel 2006 hat Honda ganz deutlich signalisiert, dass der Hubraum der VFR nicht mehr aufgestockt werden wird. Sie wird halt so weitergebaut wie sie ist und dann irgendwann auslaufen. Honda hat das schon einmal mit einem Kultmotorrad durchgezogen. Manche mögen sich noch an die XRV 750 Africa Twin erinnern. Sie hatte von 1994 bis 2003 nur 60 PS aufzubieten und trotzdem eine treue Fangemeinde. Jedes neue Modelljahr hofften die Fans, dass sich Honda endlich zu einer Leistungssteigerung durchringen möge. Es kam anders. Die Africa Twin wurde sang- und klanglos eingestellt und dafür die Varadero 1000 vorgestellt. Kein kerniger 236-kg-Weltumrunder mehr, sondern ein 283 kg schwerer Tourendampfer. Ein Schlag vor den Kopf der treuen Africa Twin - Anhängerschaft. Auch die wenig erfolgreiche, aber sehr charakterstarke VTR 1000 SP-2 wurde 2006 einfach aus der Preisliste gestrichen. Dasselbe Schicksal kann irgendwann auch der VFR blühen. Was bedeutet das in der Praxis? - VFR Auslaufmodelle werden wahrscheinlich billig. Gut 8.000 Euro bar für eine 2005er VFR mit ABS sind im Frühjahr 2006 realistisch, sobald eine CBF 1000 daneben steht. Und zu diesem Preis ist die VFR ein echtes Schnäppchen, weil sie an sich ein Spitzenfabrikat ist. Nicht umsonst belegte sie Ende 2005 immer noch Platz 2 in der "Ewigen Bestenliste" der Zeitschrift "Motorrad". Auch wenn man öfter mal runterschalten muss als bei einer 1000er. einszweidrei.de, Nico Roehr, 17.01.2006. Alle Angaben ohne Gewähr |