Das einszweidrei Auto-Quartett

Roller gegen Motorrad - die Honda Deauville NT 700



Wer aufmerksam die anderen Einspurfahrzeuge im Straßenverkehr beobachtet wird schon lange festgestellt haben, dass unter den Fahrzeugen ab 125 ccm die Roller immer stärker kommen. Auch in der klassischen Motorraddisziplin über 250 ccm und 34 PS wächst der Anteil von Rollerfahrern in Europa stetig.

Als (ehemaliger) langjähriger Rollerfahrer kann ich die Vorteile des Konzepts nicht ganz beiseite schieben, so sehr ich auch Motorräder mag. Die Karosserie eines Rollers schützt von unten her gegen Wasserpfützen-Spritzer und hochgewirbelten Straßendreck. Wer ohne Protektoren auskommt, kann im auch im Businessanzug Roller fahren. Roller sind konzeptbedingt wegen des hinten angebrachten Motors relativ hecklastig. Dadurch wird der Lenker entlastet - das Gefährt wirkt handlich und leichtfüßig. Wegen der aufrechten Sitzposition hat man einen guten Überblick und sitzt entspannt - zumindest auf Großrollern. Ein Staufach unter dem Sitz nimmt einen, manchmal auch zwei Integralhelme auf. Der Honda Silver Wing 600 (nicht mehr in Deutschland angeboten) hat ein derart großes Staufach, dass man auch ein paar Einkaufstüten darin verstauen kann.

Zu guter Letzt haben alle modernen Roller eine Automatik. Einem traditionellen Moppedtreiber mag es beim Gedanken daran zwar den Magen umdrehen, aber das ist wirklich ein echter Vorteil im Alltag. Zwar beschleunigen Roller objektiv gemessen viel langsamer als vergleichbar große Motorräder, aber das ist im Alltag oft egal. Man fährt mit einem Roller immer optimal an und braucht nur simpel am Gasgriff zu drehen, um sich in Bewegung zu setzen. Das kann im Stadtverkehr an der Ampel die entscheidende Sekunde bringen, um sich an die Spitze zu setzen.

Dazu gibt es einen nicht zu verachtenden Teil von Zweiradfahrern, die betont praktisch denken. Ihnen gilt astronomische Motorleistung und ein supersportliches Image nichts. Sie sind Alltagsfahrer, die ihr Zweirad wirklich zum normalen Fahren benutzen und rein pragmatische Anforderungen an ihr Gefährt stellen. Man findet sie oft auf Power-Rollern, manchmal aber auch auf Motorrädern wie alten BMWs, Honda NTV/CX, Kawasaki GT 550, Moto Guzzis - und eben einer Honda Deauville. Allen diesen Modellen gemeinsam ist der Kardanantrieb, der keine intensive Pflege braucht und nicht bei ausgedehnten Touren alle paar 100 km eingesprüht werden muss wie eine Kette.

Letzten Samstag besuchte ich die Präsentation der neuen Honda-Modelle CBF 1000 und Deauville NT 700. Der Händler, Honda Stute in Köln-Kalk, hatte zu diesem Anlass zwei CBF 1000 und eine Deauville in der Mitte seines Verkaufsraums aufgestellt. Gegen Mittag war der Ausstellungsraum gut gefüllt, trotz heftigen Regenwetters. Das Publikum bestand hauptsächlich aus Männern im Alter zwischen 35 und 45 Jahren - durchaus repräsentativ für die aktuelle Motorradszene. Natürlich dominierten an diesem Tag die Pragmatiker und Klapphelmträger. Dazischen tummelten sich ein paar Frauen und spielende Kinder. Insgesamt wirkt die Honda-Klientel sehr locker und gesprächsfreudig. Anzugträger waren genauso Fehlanzeige wie Rockertypen oder Super-Racer.

Beim Publikum genoss die Deauville genauso viel Aufmerksamkeit wie die beiden ausgestellten CBFs. Während man bei der CBF ab und zu ein bisschen Kritik heraushörte (dem einen war sie optisch zu brav, dem anderen erschien sie zu wenig praktisch), sammelte sich um die NT 700 ein dichter Kreis, der in stiller Bewunderung auf das Normalobike aller Normalobikes schaute. Die in bronzemetallic völlig aus ihrer Motorradrolle zu fallen scheinende NT 700 wirkt optisch, als hätte man einen Sofaroller mit einer CBF gekreuzt. Man erkennt an der Karosserie auch einige Linien, die an ein Auto erinnern. Beim Probesitzen fallen einem sofort die Armaturen ins Blickfeld. Sie wirken wie Auto-Armaturen (das gilt auch für die CBF 1000-Uhren). Die Deauville verfügt über eine wahrhaft dominante Vollverkleidung, deren Ausläufer sich bis hinten über die serienmäßigen Seitenkoffer zu erstrecken scheint. Man sitzt relativ hoch und betont aufrecht. Für kleine Menschen ist die Deauville wegen ihres relativ hohen Schwerpunkts und der Sitzhöhe nicht geeignet. Doch macht Ihre dominante optische Ausstrahlung eines unmissverständlich klar: "Ich bin ein Pragmatiker, der Anleihen aus dem Roller- und Autobau übernommen hat - aber ich bin kein Duckmäuser. Ich stehe voll und ganz zu meinem Pragmatismus."
Das könnte der Maschine zusätzlich zu den klassischen Deauville-Fans noch ein paar Umsteiger bescheren. Auch einige Mitglieder der Sofaroller-Fraktion werden zumindest mal über einen Deauvillekauf nachdenken.

Ich gehöre aber nicht dazu. Nach ausgiebigen Sitzproben auf fast allen dort ausgestellten Maschinen an diesem Tag (u.a. CBF 500, CBF 600, Hornet 600, CBF 1000, VTR 1000 F, VTR 1000 SP-2, VRF 800, Transalp, CBR 1000 RR '06, CBR 600 RR) hat mir die CBR 600 F am besten gepasst. Sitzen ist bekanntermaßen nicht fahren, aber grundsätzlich bin ich auch ein Pragmatiker. Die CBR 600 F ist nämlich der Vernunftskauf unter den Supersportlern. Hauptständer, soziustauglich, Gepäckhaken, günstig, handlich, bequem-aktive Sitzposition, schnell genug. Vernunft ist eben relativ.

P.S.: Die neue CBR 1000 RR sieht sehr geil aus. Wenn man sich draufsetzt, hat man das Gefühl, als müsste man sie sofort anlassen und mit ihr durch die klirrende Schaufensterscheibe nach draußen in die freie Wildbahn flüchten. Allerdings ist das bei einer Gixxer, Zehn-R oder Reinz nicht anders... Leidenschaft nennt sich das. Bei der Gelegenheit auch einen Gruß an alle Hoggies, Italos, Streetfighter und SuMo's. Wenn ein Motorrad vor allem Spaß macht, dann hat das auch seinen praktischen Gebrauchswert.


einszweidrei.de - Nico Röhr - 20.02.2006 - Alle Angaben ohne Gewähr