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Es gibt viele Gerüchte zu diesem Thema, und manche davon sind falsch. Dies ist ein Versuch, die Ereignisse gerecht und richtig zu beschreiben. Schon 2003 häuften sich Berichte und Klagen von BMW-Fahrern über das (teil)integrale ABS mit Bremskraftverstärker in den neuen Motorrädern. Einerseits war die Bremse sehr gewöhnungsbedürftig, weil sie recht gefühllos zu bedienen war, andererseits berichteten vereinzelt Fahrer von unerklärlichen Bremsausfällen. Es entstanden bald wilde Gerüchte in den Internetforen über Unfälle, die durch einen Bremsausfall eines BMW-ABS verursacht wurden. Als dann 2004 Berichte aus England kamen, wo Motorradjournalisten wegen ausgefallenener ABS-Anlagen in den Graben gefahren waren und auch bei den Zeitschriften MO und Motorrad eine GS mit einem zeitweiligen Ausfall des ABS auffiel, wurde die Situation ernst für BMW. Der ADAC schaltete sich ein und verlangte eine Rückrufaktion für alle seit 2001 mit diesem System ausgerüsteten Maschinen. Das Kraftfahrt-Bundesamt untersuchte das BMW-ABS, allerdings ohne Befund. Daraufhin diskutierten alle Motorradfahrer im Internet über das "ABS-Problem" bei BMW - auch und vor allem aber Motorradfahrer, die gar keine BMW besitzen, geschweige denn jemals eine BMW mit (Teil)Integral-ABS gefahren sind. Darunter litt die Qualität der Diskussionen im Internet erheblich, denn nun hackten alle BMW-Hasser (und das sind bekanntlich nicht wenige) auf diesem Thema herum. BMW selbst stritt aber weiterhin vehement ab, Probleme mit seinen ABS-Anlagen zu haben. Im Juli 2005 trat dann der GAU für BMW ein. Das ARD-Magazin "plusminus" berichtete über die ABS-Ausfälle bei BMW. Die Tagesschau machte es sogar in ihren 20 Uhr-Nachrichten zum Thema! An diesem PR-Debakel war BMW aber selbst Schuld. Man hätte viel früher auf die Vorwürfe reagieren müssen. Die quasi sprichwörtliche Sicherheit und Unfehlbarkeit von BMW-Maschinen war nun öffentlich in Frage gestellt. BMW bot deswegen allen Besitzern an, einen kostenlosen Systemcheck in der Vertragswerkstatt durchführen zu lassen. Da die Auslesung des Fehlerspeichers und ein Wechsel der Bremsflüssigkeit aber mehrere Stunden dauern konnte, verzichteten viele BMW-Fahrer auf diesen Check. Das spricht dafür, dass viele Fahrer keine Probleme mit dem ABS hatten bzw. bemerkt haben. BMW Motorrad-Chef Dr. Herbert Diess sprach im September 2005 von knapp 30 dokumentierten Fällen, in denen es Probleme mit dem ABS gegeben haben soll. Bei über 260.000 produzierten Maschinen ist das eine sehr geringe Quote. Dagegen stehen die zahlreichen Beschwerden von Kunden in Internetforen aus der ganzen Welt. Was genau soll denn überhaupt ausgefallen sein? Theoretisch betroffen sind alle BMW-Motorräder ab Baujahr 2001, die mit einem (Teil)Integral-ABS und elektronischem Bremskraftverstärker vom süddeutschen Hersteller FTE Automotive ausgestattet sind. Bei der aktuellen Modellreihe (2006) sind die Modelle R 850 R (Comfort), R 1150 R, F 650 sowie die neue R 1200 S nicht betroffen. Sie haben keinen Bremskraftverstärker, also kann der auch nicht ausfallen. Der Ausfall geschieht, so wie es vorwiegend berichtet wurde, durch eine Überbelastung der Bremse durch häufiges Betätigen bei relativ niedriger Motordrehzahl. Der Grund ist, dass der Bremsservo seinen Druck durch eine elektrische Pumpe aufrecht erhält. Sinkt nun die Bordspannung durch Überlastung, kann der Bremsservo mangels "Saft" nicht mehr die Bremswirkung verstärken und die Bremse schaltet auf rein hydraulischen Betrieb um. Häufig wurde der Ausfall der Servounterstützung bei Passabfahrten beklagt. Das liegt wahrscheinlich daran, dass sich die Fahrer auf die subjektiv sehr kräftige Bremse komplett verlassen und nicht herunterschalten, um die Motorbremskraft auszunutzen. Ist dann auch noch die Griffheizung, das populärste Extra bei allen BMWs, eingeschaltet, kann die Bordspannung abfallen und der Bremsservo schaltet auf das Notprogramm. Ein andere Ausfallmöglichkeit ist ein beschädigter Bremslichtschalter. Fällt der Bremslichtschalter, aus welchem Grund auch immer, aus, wird von der Elektronik sofort auf die "Rückfallebene" (BMW) geschaltet und es ist nur noch die Grundbremsfunktion verfügbar. Kann ein BMW-Motorrad ohne ABS-Servo nicht mehr bremsen? Doch, kann es. Selbst ohne Servounterstützung bremst eine BMW immer noch besser als die meisten Motorräder der 80er und frühen 90er Jahre. Zudem leuchtet bei einem Ausfall des Bremsservos sofort die ABS-Kontrollleuchte im Cockpit auf - auch wenn gerade nicht gebremst wird. Zudem ist kein Fall bestätigt worden, in dem bei einer Notbremsung auf einmal das ABS und der Servo ausgefallen wäre. Da bei einem Ausfall des Bremslichschalters schon beim Motorstart die ABS-Warnleuchte angeht und nicht mehr erlischt und vom ersten Meter an mit der "Grundbremsfunktion" gebremst wird, können Fahrer dann nicht behaupten, dass sie von einem Ausfall überrascht worden wären. Stimmt es, dass das ABS gerne bei der R 1150 GS/R 1200 GS ausfällt, wenn man auf Schotter fährt? Das ist eine absolute Ente. Die GS bremst auf Schotter ganz ausgezeichnet, besser als alle Maschinen ihrer Gewichtsklasse. Das ABS wurde von BMW extra auf solche Situationen hin optimiert. Womit das GS-ABS hingegen leichte Probleme hat, sind Asphaltaufbrüche, die sich als Buckel quer über die Fahrbahn ziehen. Fährt man beim Bremsen darüber und das Vorderrad hebt dabei ab, dann kann die Bremse kurzzeitig aufmachen und die Bremsleistung nachlassen. Das ist unangenehm, aber ungefährlich. Zudem passiert das bei allen heutigen Motorrädern mit ABS. Was viele auch nicht wissen, ist dass das ABS bei der GS abschaltbar ist. Wenn man es für eine Geländetour abschaltet, hat man natürlich auch keins... Hat es Unfälle bei Fahrsicherheitstests durch ABS-Ausfälle gegeben? Ja, das hat es. Das Problem ist aber durch die Besonderheiten eines Sicherheitstrainings bedingt. Bei solchen Trainings wird sehr oft hintereinander bei niedriger Motordrehzahl gebremst. Dabei lassen die Teilnehmer oft auch den Motor absterben und müssen ihn dann wieder anwerfen. Nun kann die Ladebilanz in der Batterie negativ ausfallen und die Batteriespannung abfallen. Vereinzelt kommt es dann zu einem plötzlichen Abfall der Spannung - dadurch leidet der Druckmodulator an Fehlfunktionen und das ABS kann ausfallen. Wird nun voll gebremst, kann das Vorderrad blockieren. Und dann knallt man eben hin. Das ist auch bei BMW-Sicherheitstrainings passiert - wahrscheinlich, weil die meist unerfahrenen Teilnehmer nicht auf die ABS-Warnleuchte achteten. Tut BMW denn gar nichts dagegen? Doch. Wie vielleicht schon bekannt, plant BMW das von FTE Automotive gebaute System zur ABS-Regelung durch eins von Continental Teves sukzessive in allen Modellen zu ersetzen. Das Teves-System arbeitet wieder ohne elektrohydraulischen Verstärker. Es soll zusätzlich einen Überschlagschutz besitzen, d.h. ein Salto vorwärts bei einem Stoppie soll dann nicht mehr vorkommen können. Ist bei BMW sowieso sehr selten, das passiert eher bei japanischen Supersportlern. Zudem sorgen eine neue Chipgeneration, noch reaktionsschnellere Hydraulikelemente und ein Diagnosesystem im Stile von BMW-Automobilen für zusätzliche Betriebssicherheit. Die neue R 1200 S besitzt dieses neue Antiblockiersystem schon (02/2006). Wer grundsätzlich dem BMW-FTE (Teil)Integral-ABS nicht traut und keinen Sportler fahren will, der kann sich auch eine R 850 R, R 1150 R oder F 650 zulegen, die haben ein "normales" ABS (ABS kostet bei diesen Modellen Aufpreis). Ist ABS bei Motorrädern generell unsicher? Quatsch. Es ist ein echter Sicherheitsgewinn. Es gibt kein Auto auf dem deutschen Markt mehr, das ohne ABS ausgeliefert wird (von einer Handvoll Exoten mal abgesehen). Das sollte selbst die Hardliner unter den Bikern zum Nachdenken anregen. ABS bietet auch weniger geübten Motorradfahrern die Möglichkeit, die Bremsleistung ihres Motorrads gefahrlos voll auszunutzen. Als weniger geübt sieht man im Allgemeinen die Fahrer an, die weniger als 15.000 km im Jahr mit ihrer Maschine unterwegs sind. Also fast alle. einszweidrei.de, Nico Roehr, 07.02.2006. Alle Angaben ohne Gewähr |